< 32. Spieltag der Zweiten Fußball-Bundesliga, SC Paderborn gegen SC Freiburg
09.05.2016 22:03 Alter: 2 yrs

Nach dem Aufstieg ist vor dem Titelgewinn

Sonntag, 8. Mai 2016, 15.30 Uhr * Schwarzwald-Stadion, Freiburg * SC Freiburg - 1. FC Heidenheim *


Nach dem Aufstieg ist vor dem Titelgewinn

 

Aus gegebenem Anlass erzähle ich erst jetzt und hier, wie es nach dem Abpfiff in Paderborn weiterging – bis hin zum Anpfiff gegen Heidenheim…

Das innere Glücksgefühl in Paderborn war immens, die Freude riesig. Trotzdem war da natürlich auch die Müdigkeit, die die Liveübertragung eines so engen und zugleich so wichtigen Spiels mit sich bringt. Bis Sekunden vor dem Abpfiff von Schiri Aytekin hatte ich noch nicht an den vorzeitigen Aufstieg geglaubt. Die vorherigen „entscheidenden Spiele“ waren anders gewesen, klarer – weniger spannend. Damals, im Juni 1998 siegte Freiburg 4:1 in Wattenscheid und machte damit alles klar, weil der seiner Zeit beeindruckend erfolgreiche FC Gütersloh zeitgleich in Cottbus nicht über ein 2:2 hinaus kam. Aber 4:1… das war eine klare Sache und Güterslohs Stolpern kam jetzt auch nicht wirklich überraschend.

2003 in Burghausen ging es – gerade so, wie jetzt in Paderborn – ebenfalls  1:2 für den SC Freiburg aus. Ich habe das Spiel aber längst nicht so eng und umkämpft in Erinnerung wie die Partie in Ostwestfalen. In Burghausen ging der Außenseiter zwar mit 1:0 (4.) in Führung, Tobias Willi glich aber in der elften Minute aus und der Rest war Warten auf das Siegestor. Abder Ramdane machte den ersehnten Treffer übrigens in der 70. Minute. Groß gezittert wurde dann aber in meiner Erinnerung nicht mehr.

2009 in Koblenz konnte der Gegner nur bis zur Pause mithalten. Jonathan Jäger, unser kleiner Franzose, glich die frühe Führung (2.) der Gastgeber in der 6. Minute aus. Kapitän Heiko Butscher erhöhte schon in der 15. Minute nach Pass von Julian Schuster, der damals schon dabei war, auf 2:1 (15.), eine SC-Führung, die der TuS in der 33. Minute noch einmal ausgleichen konnte. 2:2 zur Pause. Danach war open-door in Koblenz: Tommy Bechmann (60.), Mo Idrissou (74.) und der fast schon vergessene Vitaly Rodionov (85.) schossen den am Ende souveränen 5:2-Sieg unseres SC heraus.

In Paderborn hingegen war Spannung bis zur letzten Sekunde. Es war ein besonderer Aufstieg – vielleicht aber auch nur, weil er noch so frisch ist. Der Husarenritt vom ersten Spieltag an (6:3 gegen Nürnberg) macht aber zumindest die Saison zu einer ganz besonderen. Die Punktzahl von mittlerweile (das Spiel gegen Heidenheim liegt auch schon hinter uns) 72 Zählern ist rekordverdächtig. Das alles gelang vor dem Hintergrund des großen personellen Umbruchs vor knapp einem Jahr – Fazit: doch, durchaus, dieser Aufstieg ist etwas Besonderes. Auch ein besonderer im Vergleich zu allen anderen Aufstiegen.

Entsprechend losgelöst feierten die 1.300 mitgereisten Fans und auch die Spieler. Als ich "Schwoli" interviewte, hielt er ein Bier in der Hand und versuchte erfolglos zu verstecken. Wir einigten uns auf "Apfelschorle mit Schaum."  Ein Großteil der Mannschaft stürmte die Pressekonferenz mit Gesängen und übergoss Christian Streich mit Champus und "Apfelschorle mit Schaum." Es war… genial. Und ich war mittendrin statt nur dabei, nervte sogar die Fernsehkollegen, weil ich beim Kommentieren und Mitschneiden des PK-Überfalls durchs TV-Bild gelaufen bin; zum Glück war es keine Fernsehsendung, sondern eine Pressekonferenz für alle Medien, weshalb sich mein Schuldbewusstsein in sehr engen Grenzen hielt.

Als „Überfall“ und Interviews aufgezeichnet und verschickt waren, wartete ich noch gemeinsam mit dem freien Journalisten mit dem roten Schal, Rainer Schlebach, der bei der Reise nach Ostwestfalen auch zu unserer Gruppe gehörte, auf BZ-Sportchef Michael Dörfler, der seine Berichte schreiben und nach Freiburg schicken musste und auf den freiberuflichen Fotografen Meinrad Schön, der seine Bilder in alle Himmelsrichtungen an diverse Abnehmer versendete. Unsere "Doktores", Dr. Heinrich Ueberwasser, Advocat und Spielerberater aus Basel, sowie Dr. Stephan Mohrbach,  Chefarzt aus Soest, der in dieser Saison kein einziges SC-Spiel verpasst hat und den ich beim Pokalkick bei Barmbek-Uhlenhorst erstmals persönlich kennengelernt hatte, waren schon in Stephans Auto vorgefahren und sollten die Wirtsleute bei Laune halten…

Während der Wartezeit plauschte ich ein wenig mit SC-Präsident Fritz Keller, dem ich von unserem Plan erzählte, in Bielefeld, in einem griechischen Lokal zu feiern, wo es natürlich auch griechischen Wein gäbe. "Dann habt Ihr wenigstens noch morgen etwas davon", scherzte der gut aufgelegte "Präsi" und meinte wohl einen schweren Kopf. Ein Hinweis, der später noch eine Rolle spielen sollte...

Irgendwann um kurz nach 22 Uhr kamen auch wir endlich los, parkten 20 Minuten später in der Tiefgarage des Bielefelder Mercure-Hotels ein und liefen die wenigen Meter bis zum Fußball-Kultrestaurant Kreta, wo unsere ganz private Aufstiegsparty starten sollte. Erweitert wurde unser kleiner Kreis von Halbverrückten durch unsere Vorhut, Doc und Doc, und zwei nette Bielefelder Buddys, Gerrit Meinke, zu meiner Zeit als Arminia-Reporter Mittelstürmer und Kapitän, heute Geschäftsführer von Arminia Bielefeld und sozusagen der Boss meines anderen Leib- und Magenvereins, sowie Karl-Gerd Büttemeier, aus dem backoffice des Arminia-Managements, der vor einem viertel Jahrhundert, als Radio Bielefeld entstand, meine Wenigkeit als Radioreporter der Arminia-Spiele beim neuen Sender empfohlen hatte („der Frank Rischmüller macht  unsere Vereinszeitung und hat Radioerfahrung aus Frankreich, den könnt ihr sicher gut dafür gebrauchen“) Das war, wenn man so will, der Startschuss im Fußballreporter-Job, der mich bis heute fasziniert und zum Teil auch ernährt. Solche Dinge vergesse ich nicht - anno 2016 feierte „KGB“, wie Karl-Gerd scherzahft genannt wird, mit den Halbverrückten aus dem Süden im "Kreta" den Wiederaufstieg des SC Freiburg.

Eine besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle auch das Wirteehepaar Vassilios (Vasi) und Susanne Christodoulou, die ihr zu dieser späten Stunde bereits geleertes Restaurant extra für uns offen hielten, uns bekochten und bedienten und um 1 Uhr, zur offiziellen Polizeistunde, die Tür abschlossen und unsere Aufstiegsfeier zu einem privaten Fest deklarierten – mit der Flasche Ouzo auf dem Tisch, versteht sich.

Die beiden Arminen waren zu diesem späten Zeitpunkt schon wieder gegangen, versteht sich, war es doch der Aufstieg des SC Freiburg (und nicht der Arminia), der da kräftig begossen wurde. Und wie…

Trotzdem muss ich noch eine witzige Begebenheit vom Anfang des Abends erzählen. Unser Schweizer Gast, Dr. Heinrich Ueberwasser, hatte nämlich am Fanartikelstand des SC Paderborn Geschenke für uns gekauft, was ihn ja ohne Frage zu einem netten Typ stempelt, ist ja klar. Im „Kreta“ verteilte er nun seine Präsente. Zumindest für einen Ostwestfalen ist es dann aber witzig mit anzusehen, wie der Geschäftsführer des DSC Arminia Bielfeld von einem nichtsahnenden und netten Schweizer Advocaten eine Fan-Tasse vom SC Paderborn geschenkt bekommt. Habe ich gelacht… Auch Gerrit nahm es mit Humor…

Spät in der Nacht entstanden Videos, die besser nicht existieren sollten und begründen, warum unsere fröhliche Runde aus dem „Kreta“ in Bielefeld jetzt unter „Knabenchor“ firmiert. „Nie mehr Zweite Liga!“ war unser Song. Ich glaube aber, wir wären bei Dieter nicht in den Recall gekommen.

In meinem Hotelzimmer ging es mit Heiner, wie ich Dr. Ueberwasser inzwischen nennen durfte, und Stephan zu ganz später Stunde noch etwas weiter – mit nichtalkoholischen Getränken und, in meinem Fall, zwei prophylaktischen Tomapyrin. Ich hatte den scherzhaften Hinweis des Präsidenten und badischen Winzers Fritz Keller bezüglich des griechischen Weins, den ich inzwischen in größeren Mengen gekostet hatte, „dann habt Ihr wenigstens morgen noch etwas davon“ nicht vergessen und wollte pharmazeutisch vorsorgen… 

Letzteres war ein kluger Schachzug , denn vom Kopf her war ich voll fit, als wir uns am nächsten Morgen zum Frühstück trafen. Alle hatten sich an meinen Rat gehalten und das Hotelzimmer ohne Frühstück gebucht. Jetzt führte ich unsere Gruppe in eine der drei Filialen von Café Knigge, wo wir ganz ausgezeichnet gefrühstückt haben. Mit Meinrad und dem Mann mit dem roten Schal (Rainer) war ich am Vortag schon für Kaffee und Kuchen am Sitz des traditionsreichen Unternehmens in der Bahnhofstraße gewesen, jetzt gingen wir in die Filiale Obernstraße, nur wenige Schritte vom Hotel entfernt. Die Jungs waren begeistert… Sowohl am Freitagnachmittag als auch am Samstagmorgen. Fast alles am Leben in Südbaden gefällt mir besser als in Ostwestfalen – nur in Sachen Kaffeehauskultur ist meine Heimatregion im Allgemeinen und Bielefeld mit Café Knigge im Speziellen uns hier im Süden meilenweit voraus. Und das erzähle ich, weil es so ist und nicht, weil ich mit dem Chef und seinem Junior seit vielen Jahrzehnten befreundet bin. Wolfgang, der Knigge-Boss, hat seiner Zeit zwei bis dreimal die Woche mit uns Jungspunden – wir waren Mofarocker um die 15, 16 Jahre alt -  gekickt. Wölfi, der Junior, war ein Schulkamerad, kickte natürlich mit und frönt heute, in Thailand lebend, dem Müßiggang. Es sei ihm gegönnt. Ein Foto aus jener wunderbaren Zeit hängt bei mir im WZO-Redaktionsbüro an der Wand.

Nach dem ausgedehnten Knigge-Frühstück ging jeder Chorknabe seiner Wege und strebte per Bahn  oder Pkw in Richtung Süden. Im baden.fm-Hyundai waren wir zu dritt. Ich war der Fahrer. 600 km nach durchzechter Nacht sind kein Vergnügen, ging aber okay. Auf dem zweiten Teil der Strecke verkürzten uns die  Bundesligaübertragungen im Autoradio die Zeit.

Sonntagfrüh: Wie jedes Jahr hatte ich auch 2016 die Moderation des „Oldtimersonntags“ in Staufen übernommen. Im Gesicht etwas zerknittert aussehend, wie man mir vor Ort bestätigte – gezeichnet vom Aufstieg sozusagen – machte ich mich vom Erfolg des SC beschwingt, ans Werk. Dass einige Hundert Besucher der Veranstaltung in der malerischen Altstadt von Staufen – eigentlich eher ein fußballfernes Publikum – irgendwann „Nie mehr Zweite Liga“ sangen, rechne ich mir als Moderator hoch an; ob es auch der Veranstalter so sah, weiß ich nicht. Gemeckert hat er jedenfalls nicht.

 

Am Montag der vergangenen Woche saß ich dann wieder in meinem Redaktionsbüro im WZO-Verlag. Der Ernst des Lebens hatte mich wieder… Nach der kompakten Nachbetrachtung des Paderbornspiels (s. Tagebuch Paderborn, „Das Fußballspiel“) mit geilen Fotos von Chorknabe Meinrad Schön, schrieb ich meine Kolumne „SC INTEAM“ für die nächste Wochenzeitungsausgabe. Sie hatte folgenden Inhalt:

 

SC INTEAM

Der SC Freiburg stellt frühzeitig die Weichen für eine  hoffentlich erfolgreiche Zukunft. Zunächst wurde vor einiger Zeit bereits bekannt, dass  künftig nicht mehr der in dieser Saison  bei neun von 36 deutschen  Proficlubs engagierte US-Riese Nike Ausrüstungs-Partner sein wird, sondern ab der neuen Saison der  1923 in Hamburg-Eppendorf gegründete Hersteller Hummel die Fußballer des SC Freiburg mit Trikots, Trainingsanzügen und weiterem Zubehör ausrüsten wird. Im Profifußball ist Hummel  bislang nur bei den Zweitligisten FC St. Pauli und Greuther Fürth  engagiert.  Ist der Sport-Club bislang einer von vielen Partnern eines  Weltkonzerns und wurde in der ihm gegebenen Nebenrolle  quasi von der Stange bedient, versprechen sich die SC-Verantwortlichen als erster Bundesligist im Hummel-Dress und Aushängeschild des neuen Partners mehr Mitspracherecht und  eine größere Exklusivität. Mitte vergangener Woche wurde dann der staunenden Öffentlichkeit auch der neue Hauptsponsor präsentiert. Der SC spielt künftig nicht nur in der Schwarzwaldstraße und im Schwarzwald-Stadion, sondern auch mit Schriftzug und Logo – inklusive Bollenhut –  der genossenschaftlichen  Molkerei  Schwarzwaldmilch   auf der Trikot-Brust. Der Zusammenschluss von mehr als 1.100 heimischen  Milchbauern lässt sich die Kooperation geschätzte drei Millionen Euro per anno kosten und löst den Konkurrenten  Ehrmann als Haupt- und Trikot-Sponsor der Freiburger ab. Der augenfällige regionale Bezug, der Name und die Philosophie des genossenschaftlichen Unternehmens – unter PR-Aspekten hätte es für beide Seiten vermutlich keinen idealeren Partner geben können. Präsident Fritz Keller ließ durchblicken, dass man, um diese besondere  Partnerschaft  möglich zu  machen, zu gewissen finanziellen Zugeständnissen bereit gewesen sei. Mehr als Ehrmann zu Erstligazeiten (2,8 Millionen Euro p.a.) müsse der neue Partner aber dennoch bezahlen, vermuten die Experten der Zeitschrift „Sponsors“, die von einem jährlichen Betrag von „knapp über drei Millionen Euro“ ausgehen. Die wichtigste Weichenstellung vollzog sich  freilich mit dem vorzeitigen Wiederaufstieg am Freitag in Paderborn. Glaubt man den Medienberichten aus ganz Deutschland begleitete der Applaus  (fast) der gesamten Fußball-Republik das Comeback des – laut einer Studie der TU Braunschweig – sympathischsten aller Proficlubs. Die nächsten Weichenstellungen betreffen nun das Erstligateam der Zukunft. Für die Bundesliga tut  Verstärkung  Not, vor allem in der Defensive. Übrigens: Ganz nebenbei kann  Aufsteiger  Freiburg  am Sonntag auch vorzeitig Zweitligameister werden. Vor Leipzig. Fantastisch!  (Zitatende)

 

Der folgende Dienstag gehörte dann dem Abschluss der Produktion der Wochenzeitungen, jede Woche ein durchaus stressiges Programm. Und noch immer fehlte mir eine Portion Schlaf vom Aufstiegswochenende.

Am gewöhnlich arbeitsfreien Mittwoch war auch nicht an Ausruhen zu denken. Ich hatte einen wichtigen Termin bei einer Agentur, die mich für einen Moderationsjob in der Münchner Allianz-Arena gebucht hat. Mehr kann und darf ich dazu an dieser Stelle nicht erzählen, auf jeden Fall ist es schön, dass sich meine Dienstleistung als Veranstaltungsmoderator, die ich unter anderem über meine Agentur FR-Sports anbiete, mehr und mehr herum spricht und mich jetzt sogar bis München spült.

Ausruhen konnte ich mich dann endlich am Vatertag. Ausschlafen, relaxen – geil.

Am Nachmittag besuchte ich mit meinem kleinen Sohn Ben das Bezirkspokalendspiel FC Bad Krozingen gegen SV Mundingen im Stadion von Malterdingen. 2.500 Zuschauer sahen das abwechslungsreiche Spiel, das 4:3 für Mundingen endete. Vor dem Match hatte mich Stadionsprecher Manfred Schäfer von „Südbadens Doppelpass“ spontan zu einem Interview auf den Rasen eingeladen, wo ich den SC und seinen ebenfalls anwesenden Präsidenten hochleben ließ und mich als Sympathisant des FC Bad Krozingen outete, weshalb mich die gut gefüllte Fankurve des FCK fortan feierte. Ein Krozinger Fan  kam sogar auf das Spielfeld gelaufen und hängte mir einen FCK-Schal um den Hals, den ich natürlich in Ehren halten werde.

Am Rande des Spiels traf ich noch viele alte Bekannte; meinen einstigen Autopartner Rolf Buselmeier mit seiner Frau, alte Freunde aus dem nahen Riegel, wo ich in den neunziger Jahren gewohnt hatte und natürlich das „who ist who“ meiner Wahlheimatstadt Bad Krozingen. Es war – bis auf das Endergebnis des Pokalfinales – ein toller Nachmittag, den ich mit dem kleinen Ben, voller nostalgischer Gefühle bei einem feinen Abendessen auf der Innenterrasse vom Riegeler Stammhaus ausklingen ließ.  

Vor rund 22 Jahren hatte ich genau da mit meinem Vater (heute 87) und seinen inzwischen leider verstorbenen Brüdern Fritz und Walter gesessen und ein denkwürdiges Abendessen erlebt. Die älteren Herren waren damals total beeindruckt von der technischen Errungenschaft eines Handys. Jeder rief mit meinem Gerät irgendeinen Lieben zuhause an, meinte aber, wegen dieser komischen neuen Technik besonders laut sprechen zu müssen, damit er auch gehört wurde… War mir das peinlich. Alle Gäste schauten halbamüsiert, halb besorgt zu uns herüber. Als mein Onkel Fritz das bemerkte, er mag auch schon ein oder zwei Gläser Riegeler Bier intus gehabt haben, ging er von Tisch zu Tisch, nahm jeweils Platz und erklärte seine Freude über die gemeinsame Reise mit seinen Brüdern, dass sie alle aus Bielefeld kämen und welche erstaunlichen Dinge so ein Handy leisten könne. Als er zwischendurch an unserem Tisch vorbeikam zischte ich ihm zu, er möge bitte „NIE!“ unseren gemeinsamen Nachnamen erwähnen.Das wäre mir dann als seit wenigen Monaten Neubürger von Riegel und Sportchef von Radio FR 1 doch etwas peinlich…

Es war herrlich.

 

Zurück zum Vorlauf auf den Titelgewinn anno 2016:

Am Freitagmorgen warnte ich im Radio-Gespräch mit Julica Goldschmidt von der baden.fm-Morgenshow vor den "giftigen" Heidenheimern und dass die bestimmt nicht gewillt sein würden, in Freiburg nur mitzufeiern. Trotzdem gab ich meiner Überzeugung Ausdruck, dass der SC den Titel am Sonntag holen würde.

Wenig später, im WZO-Büro, checkte ich nochmal meine Reiseunterlagen für das letzte Saisonspiel an Pfingsten in Berlin. Irgendetwas trieb mich, zu schauen, ob und wann mein ICE am Samstag in Wolfsburg halten würde. 14.15 Uhr meldete der Computer. Eine gute Stunde bevor Stuttgart bei den Wölfen kickt, stellte ich fest...

Es könnte ja sein, der VfB steigt dort ab, dachte ich. Es gibt Dinge, von denen muss man sich mit eigenen Augen überzeugen, um sie auch wirklich glauben zu können, sagte ich mir und beschloss, am Samstag, 14. Mai, meine Reise nach Berlin kurzfristig in Wolfsburg zu unterbrechen und dem Schauspiel beizuwohnen. Medial lässt sich das sicher auch ausschlachten - hier im Tagebuch, in den Wochenzeitungen oder auch bei baden.fm.

Es folgte der Bundesliga-Samstag mit dem bekannten Ausgang. Ich hatte alles richtig  gemacht. Wolfsburg, ich komme!

 

Sonntag, 8. Mai, Muttertag. Nach dem Sport1-Doppelpass im Fernsehen verabschiedete ich mich Richtung Stadion. Wie geplant fuhr ich aber noch zur Krozinger Gärtnerei Fautz , holte ein schickes Blumengesteck für meine Frau Yoani, Mutter meiner beiden kleinen Kinder, und „überraschte“ sie, die vermutlich schon befürchtet hatte, ich würde den Muttertag in ihrem Fall einfach übergehen. Natürlich nicht!!!

Dann ging es aber schleunigst los zum Stadion. Es war warm, die Stimmung der Fans nach dem Aufstieg euphorisch – es brodelte.

 

Das Fußballspiel (Mein 833. SC-Livespiel)

 

Stand up fort he champions! Der SC ist Zweitligameister 2016. Der 2:0-Sieg gegen den 1. FC Heidenheim war hart erarbeitet aber auch hoch verdient. Taktisch und von der Disziplin her war es eines der Topspiele, die der Sport-Club in dieser Saison abgeliefert hat.

Da Torchancen auf beiden Seiten lange Zeit Mangelware blieben, wurden einige wenige - vielleicht waren es auch nur drei oder vier - Zuschauer ungeduldig und pfiffen.

Leipzig ging irgendwann gegen Karlsruhe in Führung, damit war klar: Für die ganz große Party musste der SC gewinnen. Ein Doppelschlag von Niederlechner in der 87. und 90+1. Minute machte alles klar. Der Rest war ein einziges Jubelfest. Mal abgesehen von den angesprochenen ganz kleinen Misstönen zwischendurch.

 

Das Nachspiel

 

Zum Titelgewinn und den angesprochenen wenigen kleinen Misstönen, hier meine Kolumne „SC INTEAM“, die morgen in den Wochenzeitungen erscheint:

 

SC INTEAM

 

Fünf Punkte vor den mit Brausemillionen gepushten Leipzigern, zehn Punkte vor dem Club aus Nürnberg – der SC Freiburg ist schon nach 33 von 34 Spieltagen der kompletten Konkurrenz enteilt und erhielt, eine Woche nach dem gefeierten Wiederaufstieg in die Bundesliga, vorzeitig von der DFL die Meisterschale überreicht; eine ästhetisch nicht unbedingt vorzeigbare, einer Autofelge ähnelnde Trophäe. Doch die Symbolik zählt.  Vorausgegangen war ein für Fußballexperten taktisch hochklassiger Abnutzungskampf zweier starker Mannschaften. Die Gäste aus Heidenheim, als Tabellenachter  in Freiburg angetreten, konzentrierten sich auf kollektive, hervorragend gestaffelte  Abwehrarbeit und lauerten auf Konter. Der Favorit, der zum Meistertitel einen Sieg benötigte, hatte 75 Prozent Ballbesitz und suchte lauffreudig, passsicher und seinerseits erfolgreich bemüht, Konterversuche des Gegners schon im Keim zu ersticken, 92 Minuten lang geduldig die Lücken, die es zum Torerfolg braucht. Als Kräfte und Konzentration des Gegners nachließen, war der SC trotz der vorangegangenen  Aufstiegsfeierlichkeiten  noch voll da. Der eingewechselte frühere Heidenheimer Florian Niederlechner stellte mit einem Doppelschlag Sieg, Titel und Meisterfeier sicher. Welch ein Jubel! Wermutstropfen im Freudenbecher: Einige wenige Besucher der Haupttribüne, die das eingangs beschriebene taktische Scharmützel der Trainer nicht verstanden hatten und eine taktische Spielverlagerung mittels Quer- oder Rückpass nicht als eine solche, sondern, analog zum Fußball der 70er Jahre, als „Feigheit vor dem Feind“ deuteten, hatten ihren Unmut zwischen Aufstiegsjubel und Meisterfeier mit Pfiffen zum Ausdruck gebracht. Das habe seine Mannschaft geschockt und ihn erbost, erklärte Christian Streich und empfahl solchen Stadionbesuchern künftig lieber zuhause zu bleiben. „Wie uns 99 Prozent der Zuschauer unterstützt haben, war großartig“, ergänzte der Trainer. In der Tat gehört schon eine Menge Ignoranz, Wissensdefizit und fehlendes Fingerspitzengefühl dazu, am Ende eines solchen Husarenrittes wie der Saison 2015/2016 des SC Freiburg, die „Aufstiegshelden“ auszupfeifen. Es war eine Saison zum Niederknien. Stand up for the champions! (Zitatende)

 

Was wenige von Euch wissen, mein Reporter-Tagebuch ist zwar sehr persönlich, ist aber trotzdem ein Produkt des WZO-Verlags, der ja auch auf seiner Homepage www.wzo.de auf mein Reportertagebuch verlinkt. Deshalb ist es für mich auch okay, wenn ich die Glückwünsche unseres Verlags an den Meister und Aufsteiger SC Freiburg, die unter einem entsprechenden Foto der Meistermannschaft diese Woche auf der Regioseite unserer Wochenzeitungen abgedruckt sind, hier ebenfalls veröffentliche:

 

Der WZO-Verlag gratuliert dem SC Freiburg zu Meisterschaft und Aufstieg

Mit einem Punkteschnitt von 2,18 Zählern pro Partie ist der Sport-Club Freiburg bereits nach 33 von 34 Spieltagen von keinem anderen Club mehr einzuholen. Eine Woche nach dem Aufstieg in die Bundesliga fand am Sonntag in Freiburg bereits die nächste Fußballparty statt: Der SC  ist zum vierten Mal nach 1993, 2003 und 2009 Meister der Zweiten Bundesliga – vor finanziell deutlich besser ausgestatteten Konkurrenten und nach einem personellen Umbruch mit dem Verlust zahlreicher Leistungsträger, der einen solchen Husarenritt, wie ihn der Sport-Club vom ersten Spieltag (6:3 gegen Nürnberg) an zelebriert hat, in keiner Weise erwarten ließ. Den Sportlern, wie auch den Entscheidern im Vorder- und im Hintergrund gebührt höchste Anerkennung und der Glückwunsch von Verlag und Redaktion der Wochenzeitungen ReblandKurier und Wochenblatt, die den SC stets sehr eng begleiten und seine Entwicklung  auch in der Bundesliga weiter konstruktiv kritisch kommentieren werden.   (Zitatende)

 

Ich selbst habe übrigens nicht mehr mitgefeiert. Als der Job erledigt war, lächelte ich noch für ein paar Selfies mit Fans in die Smartphones hinein, dann fuhr ich heim. Müde, zufrieden - und demnächst wieder Erstligareporter. 

 

 

Was bleibt, ist am Pfingstwochenende das wohl entspannteste Auswärtsspiel seit Jahren. Es geht zum 1. FC Union Berlin. Ich melde mich hier rechtzeitig.