< 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga, SC Freiburg gegen Hamburger SV
28.12.2017 17:25 Alter: 20 days

Finale Hinrunde 2017 * HSV, Köln, Mönchengladbach, Augsburg - Bremen (Pokal)

Dezember 2017 * Der Befreiungsschlag in der Liga und das Pokalaus des SC * Wie ich es erlebt habe *


Viel Arbeit, wenig Zeit und Muße – so habe ich es leider nicht geschafft, den üblichen Rhythmus meiner Tagebucheinträge einzuhalten. Deshalb gibt es jetzt, aus der Retrospektive, eine Zusammenfassung des Erlebten in den letzten Spielen der Hinrunde.

 

Zuletzt hängengeblieben war ich bei meinen Ausführungen zum Heimspiel gegen den Hamburger SV, am 14. Spieltag, einem Freitagsspiel am 1. Dezember. Das Stadion war ausverkauft, der Sport-Club gut drauf, doch einmal mehr belohnten sich die Jungs nicht für ihre gute Leistung. So endete der Kick mit einem torlosen Remis über das sich eher die Gäste als die Platzherren freuen konnten. Nach dem Sieg gegen Mainz in der Vorwoche verpasste der SC somit einen Befreiungsschlag, wenngleich vier Punkte aus zwei Heimspielen in Folge für einen sogenannten Abstiegskandidaten ja auch nicht zu verachten sind. In der damaligen Situation aber überwog – auch bei mir – die Enttäuschung über die verpasste Chance, einem direkten Mitbewerber im Kampf um den Klassenerhalt eins auszuwischen und den HSV damit zu distanzieren. Die gezeigten Leistungen hätten das eigentlich erlaubt... Zudem erhöhte das Remis den Druck vor dem Auswärtsspiel beim Schlusslicht Köln…

 

Köln

Für die Partie im Müngersdorfer Stadion hatte ich mir einen Reiseplan über zwei Tage zurechtgelegt. Anreise am Samstagnachmittag, mit Radio-Fußball im Ohr, bis Kleinmaischeid, etwa eine Stunde vor dem Ziel. Dort kenne ich ein Hotel mit ausgezeichnetem Preis-Leistungsverhältnis, in dem ich schon häufiger logiert habe, so auch in der kalten Nacht vom 9. Auf den 10. Dezember, vor dem Kick in Kölle. Als ich morgens nach dem Frühstücksbüffet zum Auto kam, war der Wagen fast eingeschneit und auf dem letzten Teilstück auf dem Hinweg meiner Auswärtsreise war selbst die Autobahn an manchen Stellen ganz schön rutschig.

Zu ungewohnter Stunde - wegen des Anstoßtermins um 13.30 Uhr - näherte ich mich bereits gegen 12 Uhr dem Stadion – kurz darauf kam ich an. Es schneite ohne Ende. Im Presseraum traf ich am „Freiburger Tisch“ auf die freischaffende Kollegin Daniela Frahm (Mittelbadische Presse und Kicker), René Kübler (Badische Zeitung), Roland Zorn (früher FAZ, jetzt freischaffend u.a. für das Bundesliga-Magazin der DFL), Michael Ackermann ("BILD" Stuttgart) und einige andere. Sie alle hatten eigentlich nur ein Thema: Wann wird das Spiel abgesagt?

„Überhaupt nicht!“ war ich mir sicher. Die Fernsehrechte – in diesem Fall die von Eurosport und deren Internetplayer – sind ein geschäftlich so wichtiger Faktor geworden, dass man alles tun würde, um die Partie auszutragen. Schneie es, wie es wolle. Meine Kollegen zweifelten sehr ernsthaft an der Durchführbarkeit der Partie.

Ich gönnte mir zunächst ein warmes Mittagessen und ging dann nach draußen auf die Pressetribüne, um dort meine Technik einzurichten. Es offenbarte sich mir eine wilde Winterlandschaft. Zig Helferinnen und Helfer bemühten sich mit Schneeschiebern, den Platz von der weißen Pracht zu räumen doch vom Himmel fielen immer mehr und dickere Flocken.

So langsam bekam auch ich Zweifel an der Austragung des Spiels… Die Dachkonstruktion im Kölner Stadion und die Windrichtung hatten dafür gesorgt, dass auch die Arbeitsplätze auf der Pressetribüne völlig zugeschneit waren. Eine dicke Schneeschicht bedeckte die Schalensitze und Arbeitstische. Ich schloss mein „Voice over IP“-Endgerät an und bekam über das, wie angefragt, freigeschaltete Internet-Netzwerk des Kölner Stadions - warum auch immer - keine Verbindung zum Studio nach Freiburg. So stieg ich nach einigen Fehlversuchen um auf unsere lange Jahre angewandte und, wenn auch mit Einbußen bei der Tonqualität, bewährte Auswärtstechnik auf GSM-Basis – also Funk mit entsprechenden Zusatzgeräten. Als diese Verbindung ins Freiburger Studio stand, machte ich mich daran, die Mannschaftsaufstellung des SC, einer Grafik ähnlich, mit den mutmaßlichen Positionen der Spieler niederzuschreiben. Das war gar nicht so einfach, lag doch auf meiner Schreibkladde schon wieder eine dicke Schneeschicht. Ich schob den Schnee weg und schrieb während ich gleichzeitig versuchen musste meine Technik vor der Feuchtigkeit der fetten Schneeflocken zu schützen. Über Lautsprecher wurde gerade mitgeteilt, dass sich der Anstoß der Partie um 15 Minuten verschieben würde. „Das ist doch unwirklich hier“ murmelte ich vor mich hin und sollte das noch häufig an diesem frühen Nachmittag in Köln sagen und denken…

Um mich ein wenig aufzuwärmen und zugleich die Technik zu schützen, zog ich mich nebst Kabelsalat und „kleiner Auswärtstechnik“ noch einmal in die Katakomben zurück und gönnte mir einen warmen Kaffee. Kurz vorher meldete ich noch den Stand der Dinge in einer Liveschalte im Programm von baden.fm. Im Presseraum meinte Roland Zorn, er würde sich das draußen nicht antun und aus dem Pressezentrum heraus berichten, wobei er nach wie vor davon ausgehe, dass die Partie noch abgesagt würde. Ich nickte nur und widersprach dem erfahrenen Kollegen, der übrigens die gleiche Leidenschaft für Arminia Bielefeld pflegt wie ich, diesmal nicht. Trotz des Wetters und den fiesen und nasskalten Bedingungen draußen – auch für meine Zunft – überwog bei mir persönlich aber die Hoffnung, dass tatsächlich gekickt würde, sonst wäre die lange Auswärtsfahrt ja völlig umsonst gewesen und müsste irgendwann noch einmal nachgeholt werden.

Die Kabel um die Schulter, die kleinen Gerätschaften in den Parkataschen, in einer Hand das Mikrofon, in der anderen meinen Kaffee schob ich wieder nach draußen. Kaum auf meinem Platz angekommen wurde die nächste Verschiebung der Anstoßzeit angekündigt, Um 14 Uhr solle es losgehen erklärte der Stadionsprecher.

Gleichzeitig beobachtete ich so etwas wie eine Platzbegehung durch das Schiedsrichterteam und andere „wichtige“ Leute. Die Mienen verrieten nicht viel. Die Platzräumung hielt weiter an. Wie ein Armeisenschwarm malochten die Helfer mit ihren Schneeschiebern und mittendrin liefen sich die Spieler warm, die dann plötzlich aber alle in den Kabinen verschwanden. War die Entscheidung gefallen? Gegen eine Austragung? Ich war nahe daran das jetzt zu glauben.

Erst als die Funkenmariechen des Kölschen Karnevals ein zweites Mal an diesem Nachmittag ein Spalier bildeten, um die Mannschaften zu empfangen, war ich dann doch wieder halbwegs davon überzeugt, dass das Spiel angepfiffen würde; die noch sieglosen Letztplatzierten aus Köln gegen unseren SC Freiburg, das Kellerkind mit Auswärtskomplex; die designierten Abstiegskandidaten, wie Unbeteiligte wohl schmerzfrei vermuten würden.

Als es nach einer halben Stunde 3:0 für Köln stand und er SC so gar keine Einstellung zu den widrigen Platzbedingungen zu finden schien, war ich kurze Zeit versucht, die Lage ähnlich zu beurteilen – nicht schmerzfrei aber halbwegs objektiv; zu diesem Zeitpunkt; und nur zu diesem.

In der 39. Minute hämmerte Nils Petersen einen schönen Freistoß von Yoric Ravet volley ins Kölner Tor. Der geile Treffer und die Körpersprache von Nils beim kurzen Torjubel und beim Sprint zurück zur Mittellinie waren magisch und veranlasste mich in der Liveeinblendung bei baden.fm sinngemäß zu der Formulierung: „Das Spiel, das ganze Drumherum hier in Köln, das ist alles so unwirklich, dass es ja vielleicht auch eine unwirkliche Spielentwicklung geben könnte. Der Sport-Club lebt noch, die Jungs wollen hier noch was holen. Hier in Köln geht noch was!“ So oder ähnlich habe ich es empfunden und im Radio formuliert. Noch vor der Pause verfehlte der nun wie aufgedreht spielende Petersen das Tor nur knapp. Mit 3:1 ging es in die Kabinen.

Kurz nach Wiederbeginn hatte aber zunächst der 1. FC Köln eine Großchance durch Guirassy, die von Schwolow glänzend vereitelt wurde. Das 4:1 zu Beginn der zweiten Hälfte wäre wohl die Entscheidung gewesen…

Der SC schüttelte sich und übernahm mehr und mehr das Kommando in Köln-Müngersdorf. Die Dominanz wuchs, Abschlüsse durch den SC gab es reichlich, nur klare Torchancen waren relativ rar. Bis zur 64. Minute. Wieder sorgte der Franzose Ravet mit einem wunderbaren Standard für die Vorarbeit. Seine Eckballflanke köpfte Janik Haberer zum 3:2 ins Kölner Netz. Jetzt waren noch 24 Minuten zu spielen…

Köln beschränkte sich fortan darauf, die knappe Führung über die Zeit zu bringen, das Spiel zu verwalten und zu verschleppen, ohne Risiken einzugehen, während der SC immer dominanter wurde – für meinen Geschmack aber noch mit zu wenig Punsh. Abgesehen von zwei Situationen der  eingewechselten „Joker“ Kleindienst und Kath, zumindest gefühlt mit zu wenig wirklich aussichtsreichen Abschlüssen. So begann die 90.Minute. Ich überlegte schon, wie ich die Niederlage bei diesen komischen äußeren Bedingungen im Radio bewerten und erklären sollte, als Höfler im Strafraum gefoult wurde und der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigte...

„Nils, denk nicht an Olympia!“ rief ich ins Mikrofon – Petersen lief an und „Toooooooooooooooor“ feierte ich den Ausgleichstreffer. 3:3 nach 3:0 – welch ein Coup!

Auch wenn ein Remis beim Tabellenletzten ja eigentlich nicht wirklich ausreichend wäre, gerade nach dem 0:0 gegen den HSV in der letzten Woche, dachte ich und sagte es vielleicht auch, um dann gleich zu merken, dass der Punkt ja auch noch gar nicht sicher war, denn plötzlich griff Köln wieder an und es gab massig Nachspielzeit… Ich traute dem Braten noch nicht.

Zielstrebiger, schneller und entschlossener wirkte jetzt aber der SC und ich dachte nur, „die werden doch nicht…“. Dann, spät in der Nachspielzeit, eine hohe Flanke in den Kölner Strafraum, ein Kopfballduell und eine Spielunterbrechung. Ich schildere das meinen Hörern, sehe, wie der Schiri gestisch ein Handspiel andeutet, das ich aus der Distanz nicht erkannt hatte. Der Schiri zog „Gelb“, aber wem würde er die Karte zeigen? Einem Freiburger oder einem Kölner?

Und dann ging alles ganz schnell: Schiri Kampka hält Guirassy den gelben Karton vor die Nase und zeigt auf den Punkt. „Es gibt Elfmeter!“ schreie ich ins Mikrofon. „Elfmeter für Freiburg! 3:3 und Elfmeter für Freiburg! Ich fasse es nicht!“ Nils Petersen bleibt cool wie eine Schneeflocke und jagt den Ball diesmal in die andere Ecke. 3:4 in der 96. Minute. Es war die letzte Aktion des Spiels, die Jungs tillen durch und rennen in die gegenüberliegende Kurve zu ihren Fans – ich tille durch und schreie immer wieder „ich fasse es nicht“ ins Mikrofon. Meine Stimme überschlägt sich dabei. Es ist unwirklich. Es ist der Höhepunkt eines ganz und gar unwirklichen Nachmittags. 3:4 nach 3:0, Sieg in Köln. Es ist fantastisch.

(Kleiner Tipp: Achtet mal am Sonntag, 31. Dezember, auf die Internetveröffentlichungen des SC Freiburg!!!)

 

Ich schwebe – zunächst in die Mixedzone zu den Interviews mit den Spielern, dann in den Presseraum, wo es gleich die Pressekonferenz geben wird. Hier winkt mir der Automobilunternehmer Siegfried Ernst zu, kommt heran, stellt mir mal eben den Deutschland-Chef von Ford vor und bittet diesen, uns beide zu fotografieren. Das macht der Autoboss gerne. Kuriose Szene, fand ich; etwas für die Memoiren oder zumindest für's Reportertagebuch. Et voilà...

Dann ist PK, ich interviewe einen sehr ernsten und geerdet wirkenden Christian Streich, um dann meinerseits schnell im ersten Stock zu verschwinden, für kleine Jungs. Seit Beginn der zweiten Hälfte musste ich pinkeln, aber ich verlasse doch während eines Spiels meinen Reporterplatz nicht und die Interviews sind immer auch ein Rennen um die besten Stimmen.

Als ich zurückkomme treffe ich im Stadion-Foyer noch einmal den Freiburger Trainer. Wir umarmen uns ungeplant. „Unglaublich, oder!?“ sind wir uns mit Blick auf das Erlebte einig.

Der Sieg in Köln war fraglos der emotionale Höhepunkt der gesamten Hinrunde.

 

Mönchengladbach

Der fußballerische Höhepunkt folgte handgestoppte 52 Stunden später im skandalöser weise von der DFL für Dienstagabend angesetzten Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach.  In Köln hatte Christian Streich in der zweiten Hälfte auf eine Viererkette umgestellt, um in der Grundformation im vorderen Offensivbereich einen Mann mehr zu haben. Diese taktische Variante findet sich gegen die favorisierten Gladbacher von Beginn an auf dem Platz wieder. Zehn Minuten lang hat Gladbach mehr vom Spiel, dann übernimmt der SC und ist bis zum Abpfiff die bessere Mannschaft. Den Freiburgern gelingt trotz des Kraftaktes von Köln und der extrem kurzen Erholungsphase ein richtig tolles Fußballspiel: Hinten stabil und nach vorne variantenreich und gefährlich. Für die Entscheidung zum 1:0-Heimsieg sorgt einmal mehr Nils Petersen, einmal mehr per Elfmeter. Es war aber eine kuriose Situation, denn Schiedsrichter Deniz Aytekin hatte zunächst übersehen, dass Vestergaard dem Freiburger Stürmer bevor dieser im Strafraum zu Fall kam, unabsichtlich aber folgenschwer in die Hacken getreten hatte. Aytekin ließ weiterspielen, wurde aber eine knappe Minute später – gefühlt war es weit mehr Zeit – von seinem Videoassistenten korrigiert. Zum ersten Mal profitiert der SC von dieser vermaledeiten Video-Geschichte, die ich nach wie vor ablehne, trotz dieses glücklichen Moments gegen Gladbach (dem ein weiterer solcher in Augsburg folgen sollte).

In der 20. Spielminute gegen Borussia Mönchengladbach gab es jedenfalls völlig zurecht Elfmeter für den SC und Nils Petersen versenkte den dritten Strafstoß hintereinander. Am Ende war es ein starker Auftritt des SC, der mit seinen letzten Körnern im Köcher die ambitionierte Borussia vom Niederrhein verdient mit 1:0 besiegte. Für mich war das der beste Auftritt des SC im Verlauf der ersten Halbserie der Saison 17/18 und im Verbund mit dem Auswärtssieg in Köln endgültig der lange erwartete Befreiungsschlag im Abstiegskampf.

Es war ein Dienstagabend-Spiel, das heißt, ich hatte richtig viel um die Ohren und zwei intensive Arbeitstage im Verlag hinter mir, als ich abends zum Stadion fuhr. Da ich außer Radio live auch noch unsere in der Endphase der Produktion befindlichen Zeitungen mit einem Text beliefern musste, blieb mir keine Zeit, alte Weggefährten zu begrüßen – weder Vince und Gindes aus der jüngeren Vergangenheit, noch Steffen Korell aus längst vergangenen SC-Zeiten und auch nicht Frank Geideck, den Gladbacher Co-Trainer, den ich noch aus den 80er Jahren in Bielefeld kenne und schätze. „Ich habe Dich vermisst, als wir neulich in Freiburg waren“, meinte Fränkie, als wir uns am Tag vor Heiligabend zufällig beim Einkaufsbummel in Bielefeld trafen. „Ich war aber da und habe Tor gebrüllt“, versicherte ich den Ex-Arminen (Spieler, Co- und Interimstrainer) schmunzelnd.

Die Chronologie der Hinrunde der Fußball-Bundesliga-Saison 2017/2018 geht aber noch weiter. Nach den beiden Siegen in Köln und gegen Mönchengladbach stand noch der Kick beim FC Augsburg auf dem Programm. Es sollte auch ein besonderes Spiel werden – wenn man so will, unter umgekehrten Vorzeichen.

 

Augsburg

Diesmal hatte ich eine Übernachtung auf dem Rückweg geplant, in Stuttgart, wo ich noch mit dem Kollegen Michael Ackermann von „BILD“ für ein Abendessen verabredet war. Morgens also über Karlsruhe, Stuttgart und Ulm nach Augsburg.

Hier kassierte der SC – wie schon in Köln – ein frühes Gegentor, diesmal in der 1. Minute. In der 20. Minute schaffte Christian Günter mit seinem zweiten Bundesligator, nach schönem Doppelpass mit Kleindienst, den 1:1-Halbzeitstand. Vom Ausgleich an war der SC bis zur Pause die den Ton angebende Mannschaft auf dem Platz.

Der Wiederbeginn nach der Pause verlief turbulent:

Zunächst beförderte Petersen einen von Kleindienst per Kopf verlängerten Ravet-Eckstoß per Hechtkopfball zum 1:2 ins Augsburger Netz. Dann verpasste Augsburg zwei aussichtsreiche Torgelegenheiten und erhielt schließlich einen Elfmeter zugesprochen.  Jetzt griff der Videoassistent ein und wies Schiedsrichter Christian Dingert auf ein Augsburger Handspiel hin, das den Angriff, der mit dem Foul von Söyüncü im Strafraum endete, eingeleitet hatte. Riesenglück für den SC, dass dies zur Rücknahme der Elfmeterentscheidung führte.

Die Führung blieb bestehen und als ein klassischer Konter über Kleindienst und Petersen in der 65. Minute zum 1:3 führte, schien der dritte Sieg in Folge greifbar nahe…

Auch in der 90. Minute stand es in Augsburg noch 1:3 für Freiburg, doch der FCA schmiss alles nach vorne, hatte der doch ein paar Tage vorher von den Freiburgern gelernt, dass es sich lohnen kann, nie aufzugeben, scheint die Lage auch noch so aussichtslos. Die Jungs vom SC waren in der Nachspielzeit gänzlich mit den Kräften am Ende; auch mit der Konzentration. Zweimal konnte Finnbogason, der schon beim Treffer zum 1:0 von einer unglücklichen Aktion von Caglar Söyüncü profitiert hatte, in der 91. Und 93. Minute im Zentrum völlig unbedrängt eine Flanke auf’s und ins Tor befördern. So machte Augsburg in der Nachspielzeit aus einem 1:3 noch ein 3:3.

Nicht wenige erinnerten sich an die glücklichen Freiburger Momente aus Köln, was das Hadern mit dem Schicksal in Augsburg etwas linderte. Immerhin war es ein Auswärtspunkt und nach den Kicks gegen Mainz (1:0), Hamburg (0:0), in Köln (3:4) und gegen Mönchengladbach (1:0) das fünfte ungeschlagene Spiel in Serie.

Die Interviews mit Spielern und Christian Streich waren Routine. In Stuttgart bezog ich mein Zimmer im Hotel Wartburg in der City und ging mit Michael Ackermann weihnachtlichen Gänsebraten essen. Durch den starken Schlussspurt hatte der SC die Hinrunde gerettet, die auswärts über weite Strecken ernüchternd war. In den Heimspielen war alles okay aber an der Auswärtsschwäche gälte es nun zu arbeiten, waren wir uns sicher – sonst wird der Abstiegskampf im neuen Jahr brandgefährlich.

 

Bremen

 Meine letzte Dienstreise für baden.fm im Jahr 2017 sollte mich nach Bremen führen. Wer mich und meine privaten Familienverhältnisse ein wenig kennt, der weiß, dass ich Reisen in Destinationen im Westen und Norden der Republik gerne und häufig über meine Heimatstadt Bielefeld abwickele. Zum Einen, um meine bald 86-jährige Mutter dort zu besuchen, zum anderen um in die eigene Vergangenheit einzutauchen und, sei es tagsüber in der City oder abends und nachts in der gediegenen Altstadtgastronomie, alte Bräuche aufleben zu lassen und alte Bekannte zu treffen. So auch dieses Mal, wobei die Taktung eng gesteckt war. Abfahrt am Dienstag in der Mittagszeit, Ankunft am Abend, wenn es zum Ausgehen schon (fast) zu spät ist, zumal ich an der Benteler-Arena in Paderborn nicht vorbeikam. Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff des Pokalspiels Paderborn gegen Ingolstadt fuhr ich auf der A33 an der hell erleuchteten Arena des Drittligisten vorbei, jenem Ort, wo der SC seinerzeit wieder in die Bundesliga aufgestiegen war. Eine Einladung, das Spiel zu besuchen hatte ich. Mein alter Freund "Kasi", der unter anderem in Braunschweig, Bielefeld und Paderborn die Stadiongastronomie managt, hatte mich eingeladen. Kurzentschlossen verließ ich die Autobahn und war ein paar Minuten später mit Bratwurst bewaffnet in der Paderborner Arena, mit "Kasi" und einem anderen Bekannten an meiner Seite. War geil, auch weil Außenseiter Paderborn gewann. Zum Ausgehen in Bielefeld war es dann nach der Weiterreise kurz vor dem Abpfiff und der Ankunft in meinem Elternhaus  etwas zu spät, klar. Immerhin sprang am Mittwochvormittag ein Besuch, gemeinsam mit meiner Mutter, im sehr empfehlenswerten Bielefelder Café Knigge heraus. Geflügelsalat mit Toast ist dann mein Pflichtgericht; nachmittags würde der vorzügliche Imbiss noch um ein Stück Knigge-Spezialtorte ergänzt aber es war ja vormittags. Die Torte kaufte „Mutti“ dann noch zum Mitnehmen für nachmittags ein, wenn ich schon längst auf dem Weg nach Bremen sein würde. Im Ladengeschäft trafen wir Wolfgang W. senior, unter anderem Chef der drei Kaffeehäuser "Café Knigge" in der Bahnhofs- Nidern- und Obernstraße und zugleich Vater meines Jugendfreundes Wolfgang W. junior, der seinen Lebensmittelpunkt seit vielen Jahren nach Thailand verlegt hat. Wolfgang W. senior, mit dem wir vor 40 Jahren beinahe täglich auf einem kleinen Bolzplatz gekickt hatten, nicht selten um Kaffee und Kuchen als Prämien, freute sich, mich zu sehen. Wolfgang erzählte mir, ich sei vor einiger Zeit von meinem Nachfolger als Arminia-Reporter bei Radio Bielefeld, Ulrich Zwetz, in einer ihm gewidmeten Personality-Show (irgend ein Jubiläum), mehrfach namentlich als ein guter Lehrmeister erwähnt worden. „Dreimal hat der Zwetz das betont“, grinste Wolfgang und schob mir einen kleinen hausgemachten und festlich verpackten Knigge-Christstollen unter den Arm, damit wir im Schwarzwald auch mal leckeres Weihnachtsgebäck aus Bielefeld zu genießen bekämen.

Ich fuhr meine Mutter in Erinnerungen schwelgend an die Kicknachmittage mit den beiden Wolfgangs, mit Lars und seinem kopfballstarken Vater „Katsche“, mit Herbert, mit dem der Ball tanzte (und nicht etwa umgekehrt)  und Lothar, der beim Kicken immer eine Badehose trug, zurück in den nördlich gelegenen Bielefelder Vorort Jöllenbeck, wo das Haus der Familie steht. Richtung Norden, genau, also im Grunde schon Richtung Bremen. Keine zwei Stunden später stand ich in Sichtweite des Weserstadions im Bremer Stau, erreichte die Heimstätte des SV Werder aber rechtzeitig, um mich in Ruhe auf die Aufgabe vorzubereiten, die mich erwartete: „Pokal spezial mit Werder Bremen gegen SC Freiburg live“.

Kaum hatte Schiri Guido Winkmann, von dem noch zu reden sein wird, mein 891. SC-Livespiel angepfiffen, lag der Sport-Club auch schon wieder hinten. Belfodil traf nach einer unglücklichen Aktion von Vincent Sierro im Mittelfeld nach Pass von Gondorf zum 1:0 – keine drei Minuten waren zu diesem Zeitpunkt gespielt.

Im dritten Auswärtsspiel in Folge ein ganz frühes Gegentor… Einmal mehr ein persönlicher Fehler, ein Mangel an Konzentration und Wachheit, wenn man so will. In der 20. Minute traf Kainz zum 2:0 und ich fragte mich, ob ich hier in Köln säße…

In der 28. Minute wurde Ravet im Strafraum umgegrätscht und es gab Elfmeter. Nils Petersen trat an und traf. Und wieder begann der SC erst jetzt, seine Qualitäten zu zeigen und munter mitzuspielen.

Knackpunkt des offenen Spiels wurde dann die 69. Minute: Dem inzwischen als „Sechser“ agierenden Robin Koch unterlief unter Druck ein Fehlpass in die Beine von Bargfrede, der den Ball steil vorlegte, während Gondorf klar im passiven Abseits stand. Um zu verhindern, dass Koch dem Bargfrede in die Parade sprang und den Ball abwehrte blockte Gondorf den Freiburger Defensivallrounder mit dem Körper weg – so wurde aus dem passiven ein sanktionswürdiges aktives Abseits, denn Gondorf nahm jetzt ja am Spiel teil. Zumindest das registrierte der Assistent an der Außenlinie und  hob korrekt die Fahne, um die Abseitsstellung anzuzeigen. Genaugenommen hätte man das Wegblocken auch als Foul werten müssen, denn Gondorf ging ja nur auf den Gegner und nicht zum Ball, doch das Unheil nahm weiter seinen Lauf: Bargfrede erreichte die Kugel an der Strafraumgrenze und schob sie zum vorentscheidenden 3:1 in die Maschen. Bei baden.fm lief gerade Musik und ich machte keine Anstalten, ein Tor nach Freiburg ins Studio zu melden, denn die Fahne war ja oben und die Abseitsstellung eindeutig.

Dass Winkmann dann die Frechheit besaß seinen Linienrichter zu überstimmen und (später) zu behaupten, Gondorf sei nicht zum Ball gegangenen und habe deshalb nicht am Spiel teilgenommen, ist so dermaßen neben der Kappe, dass es schon fast nach „Hoyzer“ riecht oder Zeugnis über massive Regelunkenntnis des Schiedsrichters Guido Winkmann abgibt. Ich wollte es erst gar nicht glauben, doch auch nach Rücksprache mit seinem Assistenten an der Linie blieb Winkmann dabei und erkannte das Tor an. Ich wollte, nein, ich konnte es nicht glauben.

Das erste Tor von Yoric Ravet im Trikot des SC Freiburg in der 87. Minute war somit nicht das 2:2, was eine Verlängerung bedeutet hätte, sondern nur der Anschlusstreffer zum 3:2. Wenig später war der SC aus dem Pokalwettbewerb 2017/2018 ausgeschieden; zurecht, weil die Jungs richtig schlecht gekickt hatten, zu Unrecht, weil das Tor, das den Unterschied ausmachte, schlicht irregulär war.

Somit war es ein unrühmlicher Abschluss des turbulenten Fußballjahres 2017.

Angefressen fuhr ich Richtung Bielefeld, spülte in einer Nachtbar noch den Ärger irgendwie runter und konnte mich trotz allem noch immer nicht für den Videoassistenten erwärmen, auch wenn der gegen Gladbach und in Augsburg hilfreich für Freiburg war und in Bremen den schweren Wahrnehmungsfehler von Winkmann sicher korrigiert hätte. Sei es drum…

 

Zum Abschluss meines letzten Tagebucheintrags des Jahres möchte ich hier und heute meinen kleinen SC-Jahresrückblick vorveröffentlichen, der am kommenden Mittwoch, 3. Januar 2018, in den Wochenzeitungen am Oberrhein erscheinen wird:

 

 

SC INTEAM

In der ersten Kolumne des neuen Jahres sei ein letzter Blick zurück auf das Fußballjahr 2017 erlaubt. Im Frühjahr sicherte sich der SC Freiburg als Aufsteiger einen beinahe sensationell zu nennenden siebten Tabellenplatz. Das war eine reife Leistung, die mit der Teilnahme an der Qualifikation zur Europa League belohnt wurde. Wegbereitend für diesen Erfolg waren unter anderem der unerwartete 0:1-Auswärtssieg (Torschütze: Niederlechner) am 5. April, einem Mittwochabend, in Wolfsburg und drei Tager später das hauchdünne 1:0 im Heimspiel gegen Mainz 05. Es war – ohne die verletzten Leistungsträger Höfler und Philipp – ein besonderes Spiel, Spitz auf Knopf, indem es lange nach einem torlosen Remis aussah. Dann forderte die Kulisse die Einwechslung des damaligen Edeljokers Nils Petersen. In der 69. Minute kam der Torjäger unter dem Gejohle der Massen auf das Spielfeld und machte in der 70. Minute mit seiner ersten Ballberührung das Siegestor zum 1:0. Ein Gänse- hautmoment – einer von vielen, die der SC Freiburg seinen Fans und Begleitern im Jahr 2017 bescherte.

Die Europa League Qualifikationsrunde mit den beiden Spielen gegen NK Domzale war im Sommer, für alle, die hautnah dabei waren, ein sportlich erfolgloses, dennoch aber interessantes Intermezzo. Der Erlebniswert, international dabei zu sein, war hoch – der Tag und der Abend, bei subtropischen Temperaturen im slowenischen Ljubljana, haben bleibenden Erinnerungswert. Die Enttäuschung und der Ärger über das sportliche Ausscheiden werden nachträglich gelindert.  Die Vorstellung, der SC hätte, bei all seinem Verletzungspech der zweiten Jahreshälfte, auch noch acht zusätzliche internationale Pflichtspiele bestreiten müssen, zwei in den Play-Offs und sechs in der Gruppenphase, lässt erahnen, dass es schwierig geworden wäre, die respektablen 19 Punkte zu holen, die der Sport-Club ohne die Zusatzbelastung Europa League sammelte. 19 Punkte trotz einer fatalen Auswärtsproblematik mit einer Gegentorflut, die es mit Blick auf die Rückrunde zu ergründen und, wenn möglich, abzustellen gilt. Die Auswärtsmisere prägte die zweite Jahreshälfte 2017 im Negativen, wie die Heimstärke im Positiven. Der emotionalste Moment war ohne Frage die 96. Minute in Köln, als Nils Petersen, nach einem 3:0-Rückstand, mit der letzten Aktion des Spiels per Elfmeter den 3:4 Endstand und damit den ersten Auswärtssieg der Saison sicherstellte. Es war, insbesondere für die Spieler, ein Erlebnis mit Nachwirkungen. Zwei Tage später gelang mit dem 1:0 gegen Borussia Mönchengladbach nicht nur ein weiterer Sieg, sondern auch der fußballerisch beste Auftritt des bisherigen Saisonverlaufs. (Zitatende)

 

Tja, liebe Freunde, it’s only soccer but I like it…

 

Ich wünsche einen guten Rutsch!