34. Spieltag der Fußball-Bundesliga, 1. FC Union Berlin gegen SC Freiburg

Samstag, 18. Mai 2024, 15.30 Uhr *

Stadion an der "Alten Försterei", Berlin-Köpenick *

1. FC Union Berlin - SC Freiburg *

Das Vorspiel

Jetzt steht es wirklich bevor: Das (vorerst) letzte Pflichtspiel des SC Freiburg unter Cheftrainer Christian Streich - noch dazu in einem Herzschlagfinale der Bundesliga: Es geht  - für Union Berlin - gegen den direkten Abstieg und/oder gegen die Teilnahme an der Relegation und für den Sport-Club um die mögliche Teilnahme an der Europa League oder der Conference League; und um einen sportlich würdeigen Abschied von Christian Streich.

In der jüngsten Ausgabe des ReblandKuriers habe ich dem scheidenden SC-Trainer einen offenen Brief geschrieben. Hier ist er im Wortlaut: 

So viele Fragen – eine habe ich Ihnen nie gestellt…
Von Frank Rischmüller

Lieber Herr Streich,
 Am Samstag steigt das letzte SC-Spiel  mit Ihnen als Trainer. Gerne wollte ich Ihnen etwas schreiben, eine Erinnerung wach rufen – unsere langjährige Zusammenarbeit würdigen und Ihnen dafür danken.   Aber welche Erinnerung soll ich nehmen, angesichts der Tatsache, dass ich – mit Ausnahme eines Spiels, wegen eines Krankenhausaufenthalts, und der zwei oder drei Corona-Kicks, die ich am Bildschirm kommentieren musste – bei jedem einzelnen Ihrer Spiele als Cheftrainer, in meiner Rolle als Kommentator, dabei war? Und Sie – wegen der Medienpartnerschaft zwischen Ihrem Arbeitgeber SC Freiburg und meinem Auftraggeber, baden.fm – nach jedem dieser Spiele interviewen durfte beziehungsweise musste; egal wie es ausgegangen war. Was wähle ich aus, um mich mit Ihnen zu erinnern? 
Das Interview nach dem verlorenen Pokalfinale, das trotzdem irgendwie ein Sieg war, spät nach Mitternacht in den Katakomben des Olympiastadions? Oder soll ich das Spiel thematisieren, in dem es Ihnen und Ihrer Mannschaft erstmals überhaupt in der Geschichte gelungen ist, den FC Bayern in München zu schlagen? Ich könnte über Pressekonferenzen schreiben, in denen Sie von den Kollegen gerne auch zu Themen außerhalb der Fußballwelt befragt wurden; weil die Antworten gleichermaßen klug und unterhaltsam waren und sich abhoben vom üblichen Grundrauschen über Mannschaftsaufstellungen und taktische Pläne. Kritiker motzten dann stets: „Muss der Streich sich denn zu allem äußern? “ Ich konnte dann immer nur sagen: „Sorry, er wurde danach gefragt. Warum sollte er keine Antwort geben?“
Aber auch das ist es nicht, was mich persönlich am meisten an unsere gemeinsame Zeit erinnert. 
Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, wenn ich eine Geschichte aus der vermutlich dunkelsten Stunde unserer Zusammenarbeit erzähle. Eine Geschichte, der ich – obwohl ich Ihnen beruflich schon weit über 1.000 Fragen gestellt habe – eine Frage anfügen möchte, die noch nie zur Sprache kam... 
Rückblende: 23. Mai 2015. Zwei Wochen nachdem uns (als SC-Mitglied und Förderer der Freiburger Fußballschule erlaube ich mir in diesem Rahmen  die 1. Person Plural)  der ansonsten hoch geschätzte Sportkamerad Knut Kircher  an einem schwachen Tag um den verdienten Sieg in Hamburg gebracht hatte und eine Woche nach dem umjubelten Heimsieg gegen den FC Bayern, spielten wir am 34. Spieltag in Hannover. Hiroshi Kijotake schoss schon in der 3. Minute das 1:0 für 96 und von da an begann dieses lähmende Entsetzen; diese innere Verzweiflung und das sichere Vorgefühl einer nahenden sportlichen Katastrophe. In den Stadien, in denen  die knapp hinter dem Sport-Club platzierten Konkurrenten spielten, fielen auch Tore; für die Konkurrenz... Ich kommentierte das Spiel in Hannover mit zitternder Stimme, fast wie ein Ertrinkender. Als Pavel Krmas den Ball in der 84. Minute ins eigene Netz drosch, versagte mir die Stimme. Kloß im Hals. Es war furchtbar. Auch für mich, glauben Sie es mir! 
Nils traf noch – aber zu spät. Abpfiff, Abstieg, Verzweiflung, Unglaube.
 „Du musst funktionieren“, sagte ich mir. Interviews machen, Radio-Profi sein. Ich zwang mich und irgendwie ging es zunächst. Interviews in der Mixedzone, das übliche Programm; wenn auch anders und voller Traurigkeit. 
Dann die Pressekonferenz. Ich wartete, entgegen meiner Gewohnheiten, ganz hinten im Presseraum, auf die Ankunft der Trainer und des Leiters der PK. Dann kamen Sie rein. Ihr Blick scannte den Saal. Dann ließen Sie  die anderen Herren warten, gingen nicht zum Podium, sondern quer durch den Presseraum zu mir und nahmen mich in den Arm; wortlos.  Mich, den Radio-Fuzzi von dem eher unbedeutenden Lokalsender. Ein Gänsehautmoment.  Unser letztes Interview in jener Saison, Minuten nach dieser Szene, mussten wir vorzeitig abbrechen, weil wir beide weinen mussten.
Nun, Herr Streich, die Frage, die ich nie gestellt habe: Wie kam es zu Ihrer ungewöhnlichen, oben beschriebenen Geste? 
Abschließend möchte ich mich bedanken – für den stets freundlich gesinnten und wertschätzenden Umgang, auch wenn ich im großen Medienrummel nur an einem  kleinen Rädchen drehe. Unser  Umgang miteinander macht vermutlich  die Besonderheit unserer vielen hundert Audio-Interviews aus. Bis heute siezen wir uns auch ohne Mikrofon. Hinterzimmer-Kumpanei ist uns fern. Ich denke, wir sind uns trotzdem nahe; weil wir den Fußball lieben;  und den Sport-Club.  Wir sehen uns im Stadion! 
Herzlichst, Frank Rischmüller
 

Und nun auf zum letzten Kick des Jahres: Mein extrem langes Fußballwochenende beginnt bereits am heutigen Donnerstag, 16. Mai, um 13 Uhr. Dann findet die digitale Pressekonferenz der U23 des SC Freiburg statt, an der ich teilnahme. >Im Nachgang werde ich einen Vorbericht mit O-Ton von Thomas Stamm produzieren; es wird der letzte Vorbericht mit dem scheidenden Trainer sein. Verchiedene Medien verkünden Stamm, den ich mir auch gut als Streich-Nachfolger hätte vorstellen können, als neuen Dynamo-Trainer. Darüber habe ich mich sogar schon mit dem sächsischen Innenminister Armin Schuster ausgetauscht, mit dem ich seit vielen Jahren beruiflich zu tun hatte; schon in seiner Zeit als Bundespolizist in Weil am Rhein. Der Minister freut sich über die - bisher nicht offiziell verkündete - Verpflichtung des langjährigen SC-Nachwuchstrainers. Ich habe ihn darin bestärkt, bedauere sehr, dass der SC Thomas verliert. 

Nach der Digital-PK und dem Vorbericht für Samstag beziehe ich schon mal Stellung bei der Firma Schwarzwaldmilch in der Haslacher Straße in Freiburg. Bevor "Gintes" Ginter zur Autogrammstunde kommt muss ich eine Terminkollision irgendwie lösen. Um 14.30 Uhr ist PK beim SC -  ab 15 Uhr bin ich bei Schwarzwaldmilch im Job, Ich werde also in dem Unternehmen, das auch als SC-Sponsor bekannt ist, sitzen und mich online an der letzten "Vor-Spiel-PK" von Christian Streich beteiligen, mich zuschalten lassen, wie man so schön sagt. Irgendwann schleiche ich mich dann raus, weil ich ab 15 Uhr Vorbesprechung mit meinen Auftraggebern von Schwarzwaldmilch habe. Das Unternehmen hat mich als Moderator für die Autogrammstunde gebucht. Ich werde also einen Talk mit "Gintes" haben, ein wenig öffentlich über Fußball, den SC, die verletzungsbedingt verpasste EM aber auch über die Rolle als Familienvater plaudern. Kann  sein, dass Schwarzwaldmilch auch noch die eine oder andere Werbebotschaft hat und natürlich werde ich das Publikum einbinden und die Autogrammstunde am Mikrofon begleiten. So kann ich in Berlin auch warm essen gehen - vielleicht sogar mehrfach. Die belegten Brötchen im Presseraum von Union habe ich jedenfalls nicht als besonders schmackhaft in Erinnerung - eher ein bisschen labbereig.... 

Direkt von der Autogrammstunde mit "Gintes" fahre ich zum Funkhaus Freiburg, tausche die Autos und nehme mit dem baden.fm-Corolla die erste Etappe meiner Berlinreise unter die Räder. In Frankfurt habe ich eine Übernachtung im Hotel Adler eingeplant. Im Laufe des Freitags fahre ich dann von Frankfurt nach Berlin, wo ich Im Loginn Hotel Berlin Airport einchecken werde. Womöglich bekomme ich noch eine Akkreditierung für die SAT 1-Liveshow "The Voice Kids". Den Finalteilnehmer der Castingshow, Maris aus Bad Bellingen, Schüler des Kreisgymnasiums Neuenburg, begleiten wir mit dem ReblandKurier schon ein paar Wochen. Erst diese Woche habe ich ein größeres Interview mit dem Teenager im Blatt, das ich telefonisch mit ihm geführt habe. Und während wir so sprachen, fiel mein Blick auf den Kalender und ich sah, dass ich ja selbst am Freitag in Berlin bin, wenn die Show in den Studios am Adlershof gedreht und live ausgestrahlt wird. Seitdem glühen die Drähte zur Presseabteilung von SAT 1 - Ende offen...

"Hauptsache Fußball" könnte ich jetzt sagen und das passt ja auch. Ich fahre schließlich zum letzten Bundesligaspieltag nach Berlin. Die PK steht noch aus aber ich ich rechne unvcerändert mit dem 3-4-3-System, wobei Jordy Makengo, wie in der Schlussphase  gegen Heidenheim, vermutlich für den verletzten Manuel Gulde in die Elf rückt. Die Mittelfeldreihe dürfte unverändert antreten (Doan - Eggestein - Höfler - Günter( - danach kommt es darauf an, wer die rei Offensivkräfte seine werden. Sallai oder Höler rechts, Gregoritsch oder Höler zentral, Grifo oder Höler links. Ich glaube nicht, dass Christian Streich im letzten Spiel plötzlich Weißhaupt, Muslija oder Adamu für die Stzartelf aus dem Hut zaubert... Die Aufgabe lautet also: Aus vier mach' drei. Roland Sallai ist an guten Tagen unverzichtbar - an schlechten nervt seine hibbelige Spielweise. Michael Gregoritsch scheint gerade wieder Ladehemmung zu haben, er ist aber - gerade bei Stadndards des Gegners, unverzichtbar als Kopfballabräumer vor dem eigenen Tor. Ich bin ziemlich sicher: Auf Gregerl wir Streich in der Startelf nicht verzhichten. Und Vinces Qualitäten kennen wir alle. Zuletzt hatte er etwas Pech; aber wich wichtig ist er auf dem Feld, wenn es mal Elfmeter gibt... Für "Lucky" Höler spricht seine Vielseitigkeit. Wenn einer aus dem Kreis Sallai / Gregerl / Vince für "Lucky" weichen muss, dann vielleicht Vince - ich ahne aber, dass die drei Erstgenannten (wieder) anfangen werden.

Herzschlagfinale für den SC - ein Punkt reicht für Platz 8 (mutmaßlich Play-Offs für die Conference League), drei Punkte könnten auf Platz 7 führen - wenn Hoffenheim zu Hause gegen Bayern München Punkte liegen lässt - und Platz 7 führt mutmaßlich direkt in die Europa League. Aber auch für Union Berlin ist es ein Herzschlagfinale: Union muss gewinnen, um noch eine Chance zu haben, die Relegation zu vermeiden. Bochum (in Bremen) hat drei -  Mainz (in Wolfsburg) hat zwei Punkte Vorsprung. Ein Zähler würde Union nur im Kampf gegen den direkten Abstieg weiterhelfen. Der ist auch noch möglich, wenn zum Beispiel Union mit zwei Toren Differenz gegen Freiburg verliert und Köln mit zwei Toren Differenz in Heidenheim gewinnt. 

Ich reise nach Berlin und rechne mit einem Remis an der Alten Försterei. Das hat mehrere Gründe: Ein Unentschieden verhindert den direkten Abstieg von Union und sichert dem SC Platz acht und damit iene gute Chance auf Europa. Irgendwann werden die Mannschaften ja beginnen, taktisch zu spielen - je nach den Spielständen auf den anderen Plätzen. Wenn eine Situation eitrifft, in der beiden durch ein Remis geholfen wäre, wird keiner mehr hohes Risiko gehen... Ein anderer Punkt spricht gegen eine Niderlage des SC in Berlin-Köpenick: Die Jungs sind seit Wochen auswärts ungeschlagen: Die letzte Niederlage auf des Gegners Platz datiert vom 25. Februar in Augsburg (2:1). Es folgten der 1:2-Sieg in Bochum, der 0:3-Erfolg in Mönchengladbach, das 0:1 in Darmstadt, das 1:1 in Mainz und das 0:0 in Köln - fünf Auswärtsspiele ohne Niederlage. Warum sollten sich die Jungs vor  dem Auswärtsspiel an der Alten Försterei ins Hemd machen? Mein Traum: Sieg, mein Tipp: Unentschieden.

Ich konnte bei der Presseabteilung des 1. FC Union erreichen, dass ich schon frühzeitig ins Stadion gelassen werde - also früher als die anderen Medienvertreter. Um 13 Uhr darf ich rein... Grund ist; Ab 13.30 Uhr kommentiere ich auf Basis von TV-Bildern über mein iPad zunächst die Abschiedsvorstellung der U23 des SC gegen Viktoria Köln. Das kann ich dann schon von meinem Arbeitsplatz in Köpenicker Stadion aus machen. Der Drittliga-Job, der für mich - wie für die Mannschaft - mit dem Kick gegen Köln endet, strengt ja durchaus ein wenig an und wir erfahrungsgemäß meine nerviliche Belastung für das "Herzschlagfinale" in der Bundesliga etwas herunterfahren. Ich bin dann ... na sagen wir mal ... abgeklärter, wenn es heiß wird und die Frage über eine Teilnahme des SC an einem europäischen Wettbewerb zumindest tendenziell beantwortet wird. Von der Argumentation, der SC solle sich, mit dem neuen Trainer, erstmal auf die Bundesliga konzentrieren halte ich gar nichts. Der SC Freiburg spielt in normalen Jahren gegen den Abstieg in guten Jahren um Europa - und die schönsten Jahre sind die MIT Europa. Für den Verein, für die (mitreisenden) Fans und auch für uns, die begleitenden Medienvertreter. Meine schönsten SC-Erlebnisse in über 30 Jahren waren die internationalen Ausflüge. Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir - ich bin jetzt 63 - als SC-Reporter noch vergönnt sind; vielleicht zwei, drei oder vier - keine Ahnung. Solange Energie und Gesundheit da sind und baden.fm mich will, ziehe ich durch. Notfalls auch wie mein Kollege Günter Pohl vom Bochumer Lokalradio, der den VfL zu jedem Spiel begleitet und schon 70 Jahre zählt. Aber die Jahre sind endlich und jedes Jahr mit Europa sind ein Geschenk!

Auf geht's, Sportclub, kämpfen und siegen!

Ich kommentiere das Bundesligaspiel 1. FC Union Berlin gegen SC Freiburg am Samstag ab 15 Uhr in der baden.fm-Bundesligashow.

 

Das Fußballspiel

(Mein 1.147. SC-Livespiel am Radiomikrofon)

Fortsetzung folgt...